Prof. Dr. med. Harald Matthes

Prof. Dr. med. Harald Matthes - Der Graue Star

Der Chefarzt, der es anders macht

Ein Interview von Pia Körber mit Prof. Dr. med. Harald Matthes

Ein angesehener Mediziner, Mitgründer eines integrativen akademischen Lehrkrankenhauses und Vater von vier Kindern über Erfolge, Niederlagen, Menschenliebe, Geld als Motor, das Beziehungsleben von Medizinern und Digitalisierung.

Interview

Was waren die drei wichtigsten Entscheidungen in Ihrem Leben?

Prof. Dr. Matthes: Nach der Schule hatte ich zunächst vor, Naturwissenschaften – Physik und Mathematik – zu studieren. Als ich dann Vorlesungen in diesen Fächern besuchte, bevor ich in der Uni eingeschrieben war, sah ich wie Fern diese Fächer vom Menschen entfernt sind und entschloss mich zum Medizinstudium. Aus heutiger Sicht war das für mich die erste, wichtigste und beste Entscheidung meines Lebens.

Die zweite Entscheidung kam etwas später: Ich hatte für mich erkannt, dass die Universitätsmedizin nicht mehr menschlich ist und sie heute einen pseudo-naturwissenschaftlichen Weg gehen möchte – dadurch aber die Seele und den Geist des Menschen zu sehr vergisst. Dadurch habe ich die Anthroposophische Medizin entdeckt.
Die dritte Entscheidung: Nach zwölf Jahren Universitätsmedizin war mir klar, dass das nicht das goldene vom Ei ist: zwar technisch gute Medizin, aber oft am Menschen vorbei. Das hat mich dann zur Mitgründung eines integrativen Krankenhauses in Berlin für Anthroposophische Medizin gemeinsam mit einer Gruppe gebracht, die ähnlich dachten.

Ihr größter Erfolg?

Prof. Dr. Matthes: Bereits im jungen Alter von 35 Jahren, damals durch Verhandlung mit dem Senat Berlin, als ärztlicher Leiter ein Krankenhaus gestalten zu können. Und so nicht nur die Medizin anders zu machen, sondern auch soziale Arbeitsformen sehr früh mit definieren zu können. Das ist für mich wichtig, denn die Medizin muss nicht nur für Patienten „menschlich“ sein, sondern eben auch für die Mitarbeiter und das gesamte Team, dass diese Medizin lebt. Wir alle müssen uns wohlfühlen. Wir haben da ganz viel verändert und erreicht, auch im Sinne von basisorientierter Selbstverwaltung. Das was heute neudeutsch „agiles Unternehmen mit kollegialen Führungselementen“ heißt.

Ihre größte Niederlage?

Prof. Dr. Matthes: Meine größte Niederlage war zu erkennen, dass auch die besten Freundschaften und Beziehungen auseinander gehen können, wenn sich Menschen unterschiedlich entwickeln. Und sich damit dann auch auf einmal nicht mehr soviel zu sagen haben, wie sie es einmal hatten.

Ihre wichtigste Erkenntnis in Bezug auf Ihr Privatleben?

Prof. Dr. Matthes: Ich musste feststellen, dass Arzt zu sein, sich für Patienten zu engagieren und eine große Familie zu haben – so wie ich das habe, mit vier Kindern – relativ schwer zu vereinbaren ist, weil Kinder und Patienten sehr viel Zeit brauchen. Somit war es immer ein Balanceakt zwischen Privatleben und beruflichem Engagement.

Drei Tipps für junge Menschen unter 30?

Prof. Dr. Matthes: Mein erster Tipp ist, sich immer zu fragen: Ist das, was ich tue auch sinnvoll. Und wenn ich es selbst als sinnvoll erachte, sollte ich mich von anderen nicht davon abbringen lassen. Der Zweite: Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass man am Anfang seines Berufslebens sehr viel in seine Ausbildung an Zeit, Kraft und Idealismus investiert. Und der dritte Tipp: Dass es extrem gut und hilfreich ist, wenn man berufliche Erfahrungen im Ausland sammelt, weil man dann, anders als bei Reisen, nicht nur einen oberflächlichen Kontakt zum Land bekommt, sondern auch andere Kulturen tiefer kennenlernt und davon sehr viel lernen kann.

Ihr Ratschlag an die Mediziner von morgen?

Prof. Dr. Matthes: Die Technik wird immer besser, sie hilft uns immer mehr. Aber wir müssen dazu stellen, dass wir immer mehr Menschlichkeit und Beziehung mit in die Medizin einbringen müssen. Daher ist es extrem wichtig, dass wir uns im Klaren sind: Was habe ich für ein Menschenbild uns wie lebe ich dieses? Und dann nicht nur das Somatische behandeln, sondern auch die seelisch-geistige oder spirituelle Ebene des Menschen mitberücksichtigen und in Diagnostik und Therapie einbeziehen. Alle drei Ebenen gehören zum Menschen und damit auch zur Medizin dazu.

Mediziner*innen, Liebe und Beziehung – kompatibel?

Prof. Dr. Matthes: Eine Zeitlang hatten chirurgische Chef- und Oberärztinnen die kürzeste Lebenserwartung von allen Ärzten in Berlin. Chirurgen müssen oft auch Notfalloperationen nachts machen. Haben viele Dienste. Privatleben und Berufsleben sind hier schwer kompatibel. In der alten Xer – Generation, ist es häufig so gewesen, dass sie sich entweder für Karriere oder Familie entscheiden mussten. Das widerspricht meinem Berufs- und Menschenbild, denn es geht im Leben viel um Entwicklung in Beziehungen.

Ich selbst bin geschieden, was mit den unterschiedlichen Entwicklungs- und Sichtweisen zu den Werten zu tun hatte. Jetzt bin ich schon seit langem in einer sehr glücklichen Beziehung mit einer auch leitenden Medizinerin. Daran merkt man, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wieviel Zeit man miteinander verbringt, sondern wieviel Lebenstiefe man in diese Zeit hineinbringt. Wie intensiv die Begegnung ist ? Wie schnell kommt man zu tieferen bzw. wesentlichen Ebenen im Sinne „sich wirklich auszutauschen“? Was sind eigentlich die Dinge, die einem Sinn geben, die einen erfüllen? Die Prognose, wie alt man wird bzw. Lebenskraft man immer wieder entwickelt, hängt sicher davon ab, wie zufrieden – also sinnerfüllt – man lebt und ist. Wichtig ist mir, dass ich Dinge tue die mich befriedigen und nicht nur Dinge abarbeiten muss.

Wesentlich in der Beziehung erscheint mir die Veränderungsbereitschaft auf beiden Seiten, damit gegenseitig empathisch vorgebrachte Kritik angenommen werden kann und Motor für die weitere gemeinsame Entwicklung wird. Wenn es mal stockt, kommt es auch schon mal zu Krisen. Diese Phasen sind meist mit hoher Beanspruchung im Berufsleben verbunden und bedürfen des achtsamen gegenseitigen Verständnisses. Durch gegenseitige Spiegelung und Aufforderung zu gemeinsamen Aktivitäten kann dabei der Anderen wieder abgeholt werden. Eigene Veränderungfähigkeit kann dabei zu eigener Entwicklung führen und ein Zusammenkommen ermöglichen. Dies ist bei der starken beruflichen Beanspruchung von Ärzten eine stete Herausforderung und bedarf der eigenen achtsamen Führung. Hier kann ein eigener Schulungsweg und Meditation sehr hilfreich sein.

Ist Geld Ihr Motor?

Prof. Dr. Matthes: Wir verdienen hier deutlich weniger als Chefärzte anderer Krankenhäuser. Für uns spielen Boni oder andere kommerzielle Zielsetzungen keine Rolle. Alle leitenden Ärzte sind hier, weil sie sich inhaltlich mit der Medizin verbinden und das für sinnvoll erachten. Unsere Währung sind die Patienten, die durch positive Rückkopplung einem Kraft zurückgeben. Wir haben sehr gute Kritiken und schneiden bei den Patientenvoten sehr gut ab, auch in Bezug auf Menschlichkeit der Medizin und Kompetenz. Wenn es einem ein Anliegen ist, es für kranke Menschen zu machen, dann braucht man als Motivation nicht soviel Geld, wie es heute üblich für Ärzte ist.

Dies bringt viel Entlastung im Krankenhaus gerade auch zwischen den Berufen und bei Krankenkassenverhandlungen. Wenn man von vornherein bestimmte materielle Ansprüche nicht hat – das Ferienhaus, die Villa im Urlaubsparadies – dann ist man davon befreit.
Man sieht leider viele Chefärzte in Berlin und Deutschland, die davon nicht befreit sind. Für die es ganz wichtig ist, auf materielle Ziele hin zu arbeiten, um ihre Boni zu erreichen. Das ist mittlerweile wie bei Bankern. Wirtschaftliche Interessen konkurrieren zu den medizinisch und humanistisch-ethischen Interessen. Man sagt ja: Ab 100.000 Euro spielt Geld für das Glück und die Zufriedenheit keine Rolle mehr, und das stimmt meines Erachtens. Wenn Geld in der Medizin die Hauptrolle spielt, dann hat man mit sich als Arzt ein Problem.

Es ist viel wichtiger das man schaut, was einen wirklich nährt – im Job, in der Beziehung, Partnerschaft, im Privatleben. Privat ist es doch eher, was und wie man sich entwickelt. Und beruflich: Was kommt zurück vom Patienten.
Auch das Thema „Geld“ war damals einer der größten Motivatoren, die Universitätsklinik zu verlassen. Da habe ich im 15 Minuten-Takt bestimmte Patienten abarbeiten müssen, und hier bin ich frei und selbstbestimmt. Ich kann auch abends um 21 Uhr Sprechstunden anbieten. Mein Träger sagt nichts – ich bekomme nicht mehr oder weniger Geld. Es liegt ganz bei mir, meinen Anspruch an die Betreuung von Patienten zu definieren. Das ist Freiheit und natürlich auch eine Verantwortung und Verpflichtung, die Patienten nach unseren selbstgesetzten Maßstäben zu versorgen. Da spielt Geld eine völlig untergeordnete Rolle.

Der Verzicht auf Boni und finanzielle Anreize ist extrem wichtig und geht bis dahin, dass wir den Wettbewerb zwischen Ärzten und Abteilungen dadurch ausblenden, dass wir diese organisatorisch und wirtschaftlich zusammenlegen. Damit tragen die vermeintlichen Wettbewerber gemeinsam die Budgetverantwortung für diesen Bereich und sitzen somit im selben Boot. Nicht die eine Abteilung macht Plus oder Minus, alle überlegen gemeinsam, was gut für den Patienten ist und optimal koordiniert werden kann. Wir überlegen aber auch: Was könnte man besser machen, um ggf. wirtschaftlicher zu sein. Bevor wir jedoch entscheiden ob wir wirtschaftlicher werden wollen, Fragen wir uns, was es für den Patienten bedeutet und ob wir dies so wollen? So führen wir hier zum Beispiel bestimmte Operationen nicht durch, die anderswo gemacht werden, damit man bestimmte Mengen oder Erlöse erzielt. Stattdessen wählen wir günstigere Verfahren, die für den Patienten viel schonenderer sind, die uns weniger Geld bringen und uns als Haus wirtschaftlich „schädigen“ – die aber für unsere Grundsätze stehen und im Patienteninteresse sind.

Wie wirkt sich das ganzheitliche Menschenbild auf Anforderungen an Mediziner aus?

Prof. Dr. Matthes: Wenn ich ein ganzheitliches Menschenbild habe und nicht nur Symptome kuriere, sondern auch die seelisch und spirituellen Bereiche des Menschen mit einbeziehe, muss ich mich hierfür kompetent machen – was ein Teil der anthroposophischen Ausbildung ist. Darüber hinaus muss ich aber auch ganz anders mit meinen Kollegen zusammenarbeiten.
Die Kernfrage ist: Wie können wir, um das Optimum für den Patienten herauszuholen, kollegial zusammenarbeiten? Deshalb heißt dieses Krankenhaus ja auch „Gemeinschaftskrankenhaus“ Havelhöhe. Weil wir eben als Gemeinschaft aus kompetenten Therapeuten jeweils um den Patienten ein Team bilden, das schaut, dass wir alle Ebenen des Menschen mit einbeziehen – sowohl in Diagnostik wie auch in Therapie und Pflege. Das bedarf eines gleichberechtigten Teams, das auch interprofessionell optimal zusammenarbeitet.

Kunsttherapeuten und Physiotherapeuten sind manchmal wichtiger als der diagnostizierende Arzt. Deshalb ist ebenso wichtig, dass man in kollegialen statt hierachischen Formen gut zusammenarbeitet und sich gegenseitig wertschätzt, aber auch Verantwortung dafür übernimmt.
Hierfür gibt es bei uns im Krankenhaus die sogenannten Verantwortungskreise. Das sind delegierte Mitarbeiter, Therapeuten, Pflegende und Ärzte die über die Abteilungsgrenzen hinaus definierte Bereiche führen und verantworten. Interdisziplinär und interprofessionell. Das bedeutet, dass die unterschiedlichen Sichten, die es gibt – eine Pflege hat eine andere Sicht als eine Therapeut – gleichwertig ausgetauscht werden und dass die Entscheidungen über Budgets, Stellenpläne und Organisation gemeinsam geschieht.

Meist gibt es in den konventionellen Krankenhäusern die Geschäftsführer, die hierachisch bestimmen, und darunter die Ärztlichen Leiter, die ggf. ein wenig mitbestimmen dürfen. Bei uns verantworten diejenigen, die in einem Bereich zusammenarbeiten und im Verantwortungskreis delegiert sind das Alltagsgeschäft.
Das bedeutet Qualifizierung über Wissensbereiche hinaus, aber auch deutliche Qualifizierung in Managementfragen für Ärzte, Pflegende und Therapeuten. Die Menschen, die so etwas hier machen, haben zwei oder drei Jahre eine berufsbegleitende Managementausbildung absolviert, so dass auch die Grundlagen da sind, um sachgerecht Entscheidungen treffen zu können. „Basisdemokratie“ ohne Sachverstand geht nicht.

Was unterscheidet ein integratives Krankenhaus von kommerziellen Kliniken?

Prof. Dr. Matthes: Einerseits die „agile“ Organisation mit den kollegialen interprofessionellen Führungskreisen und deren Zusammenwirken in starker Kooperation. Nehmen wir die Therapiebesprechung. Hier kommen Ärzte, Pflegende und Therapeuten zusammen, um die Ergebnisse und Fortschritte eines einzelnen Patienten zu besprechen und Maßnahmen aufeinander abzustimmen.

Patienten öffnen sich manchmal ganz anders gegenüber einer Pflegenden, dem Kunst- oder Psychotherapeuten als dem Arzt. Das alles ergibt ein ganzheitliches Behandlungskonzept für Patienten, das stets hinterfragt und angepasst wird. Andererseits ein innovatives Konzept für Aus- und Weiterbildung. Gerade bei den unterschiedlichen Curricala der medizinischen Fachbereiche haben wir uns da einiges überlegt.

Wir stellen fest, dass junge Menschen von Freitagmittag bis Sonntagmittag heute keine Kurse mehr machen wollen. Das was wir sehen, ist dass man bestimmte Wissensvermittlung auch über E-Learning gut abbilden kann – und dass das auch gut angenommen wird. So kann jeder auch noch um 21 Uhr abends lernen. Beim E-Learning geht es aber nur um reine Wissensvermittlung. Wenn wir Kurse durchführen, dann müssen wir interaktiv werden und das vermitteln, was man sonst nur von Mensch zu Mensch lernen kann: Wie begegne ich den Patienten? Welche Sicht habe ich auf den Menschen und seine Krankheit? Was ist jetzt nicht nur das Bild auf der leiblichen Ebene, sondern wie berücksichtigen wir die seelische und spirituelle Ebene in den verschiedenen Therapien? Daher sind wir aktuell dabei nachzudenken, wie ein richtiges Lernkonzept für die Zukunft aussehen sollte, bei dem einerseits Wissensvermittlung notwendig ist – aber in den eigentlichen Seminaren interaktiv gelernt werden kann. Seminare, bei denen es sich dann eben auch lohnt, die Zeit zusammen zu verbringen.

Wie verändert Digitalisierung die Medizin?

Prof. Dr. Matthes: Digitalisierung findet bei uns in der Medizin ja auf drei Ebenen statt: Analyse, Kommunikation – und wie gerade erwähnt Wissensvermittlung. Die Digitalisierung ist eine wunderbare Hilfe in der Medizin, die technisch auch genutzt werden sollte. Aber wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht benutzt. Analysen liefern Befunde und Fakten, der Mensch, der Mediziner wird in der Beziehung für den Patienten nie ersetzbar sein. Er interpretiert und erarbeitet mit Kollegen die Therapieansätze. Digitale Kommunikation hilft viel im Krankenhaus bei der Dokumentation und dem Austausch der Vielzahl an Fakten, der Kontakt zwischen Patient, Mitarbeiter und Arzt sollte aber analog bleiben. Die Geschwindigkeit, die durch den zunehmenden digitalen Informationsaustausch und Wissenstransfer möglich ist, darf jedoch nicht den Lebensrhythmus von Patienten und Mitarbeitern im Krankenhaus bestimmen. Wir sollten die Digitalisierung nutzen, jedoch nicht von ihr benutzt oder gar tyrannisiert werden. Wie viele E-Mails ich beantworte und wie lange ich am Abend dies noch tue muss selbstbestimmt bleiben.

Vielen Dank für das Interview.


Zur Person:

Prof. Dr. med. Harald Matthes (57) ist Mitgründer und ärztlicher Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, der einzigen Klinik Berlins für integrative Medizin. Integrative Medizin betrachtet Patienten als Ganzes und vereint die körperliche mit der seelischen und spirituellen Ebene.

Hierfür sind ganz besondere Formen der Mitarbeiter*innen-Organisationen und intensive Abstimmungen zwischen Fachärzten notwendig. Das Krankenhaus ist auch akademisches Lehrkrankenhaus und bildet Studierende der Charité und der Universität Witten-Herdecke aus. Studierende der Charité erweitern die klassische Medizinausbildung in Havelhöhe, angehende Mediziner*innen aus Witten-Herdecke haben bereits Kurse in Anthroposophischer Medizin belegt und sammeln hier Praxiserfahrungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.